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Fehlende Genderbalance in der Sportberichterstattung Was haben Katharina Liensberger und Vincent Kriechmayr gemeinsam? Beide sind regierende Doppel-Weltmeister im alpinen Skilauf. Was unterscheidet sie? Die mediale Sichtbarkeit ihrer sportlichen Erfolge.

88 % der medialen Berichterstattung im Sport ist Athleten gewidmet und nur 12 % Athletinnen
88 % der medialen Berichterstattung im Sport ist Athleten gewidmet und nur 12 % Athletinnen Foto: Media Affairs

Katharina Liensberger hat mit ihren beiden Goldmedaillen (Slalom-Gold und Gold im Parallel-Riesenslalom) rund um die WM in Cortina d’Ampezzo um 50 % weniger an medialer Aufmerksamkeit bekommen als Vincent Kriechmayr mit seinen Erfolgen. Das ist nur eines der Ungleichgewichte, das die Medienstudie "Genderbalance in der Sportberichterstattung" herausgearbeitet hat: Untersucht wurden Präsenz und Inszenierung von Sportlerinnen und Sportlern in österreichischen Massenmedien. Studienautorin Maria Pernegger kommt zu ernüchternden Ergebnissen. Diese umfassende Medienstudie, die erste in diesem Kontext im deutschsprachigen Raum, macht deutlich: In puncto Präsenz werden Sportler gegenüber Sportlerinnen stark bevorteilt. Auch in der Form der Darstellung sind in der Berichterstattung gravierende Unterschiede festzustellen.

Name der Studie: Genderbalance in der Sportberichterstattung? Studie über Präsenz und Inszenierung von Sportlerinnen und Sportlern in österreichischen Medien (PDF, 23 MB)
Studieninitiatorinnen: Regina Wohlgenannt und Anja Schmidt (Verein exploristas – Österreichs Initiative zur Bestärkung von Frauen durch Outdoor Sport)
Studienautorin: Maria Pernegger (MediaAffairs)
Kooperationspartner: Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport (BMKÖS); Bundeskanzleramt; RTR Medien; 100 % SPORT – Österreichisches Zentrum für Genderkompetenz im Sport

ERGEBNISSE
 

Präsenz

  • 88 % der medialen Berichterstattung im Sport ist Athleten gewidmet, nur 12 % Athletinnen (Tendenz gleichbleibend). Die Bandbreite reicht von 18 % (TV), über 12 % (Print) bis zu 7 % (Online). Mit Corona ging die Sichtbarkeit weiter zurück - < 4,5 % TV, < 5 % Print, <2 % Online
  • Im Einzelsport liegt der Frauenanteil bei 23 %, im Teamsport bei 2 %
  • Die Sendezeit für Männer-Fußball in den TV-Sportnachrichten betrug im Untersuchungszeitraum 252 Minuten, für Frauen-Fußball 5 Minuten.
  • 94 % aller Sportcover zeigen Athleten, nur 6 % Athletinnen
  • 31 % der Beiträge von Sportredakteurinnen, aber nur 11 % der Beiträge von Sportredakteuren beschäftigen sich mit Sportlerinnen. Nur 9,5 % der Sportredakteure sind weiblich.

Darstellung

  • Profisportlerinnen werden 8 x häufiger sexualisiert und 13 x häufiger trivialisiert dargestellt
  • Im Printbereich werden Sportlerinnen bildlich 3,5 x häufiger ohne Sportbezug (Postings etc.) dargestellt als Sportler
  • Auf Social Media zeigen 40 % der Fotos Sportler, aber nur 24 % Sportlerinnen „in Action“
  • Artikel über Sportlerinnen sind textlastiger (57 % Text) als Artikel über Sportler (47 % Text)

Auswirkungen dieses Ungleichgewichts

Die fehlende Präsenz von Sportlerinnen in der Sportberichterstattung ist nicht nur ungerecht, sie hat auch gravierende Auswirkungen auf deren Möglichkeiten, ihrem Sport professionell nachzugehen. „Wenn die Sichtbarkeit fehlt, bleibt man für Sponsoren schlicht unattraktiv“, weiß Manuela Mandl, Snowboard-Weltmeisterin im Freeriden, und verweist darauf, dass international betrachtet nur 7 Prozent der Sponsorengelder auf Profisportlerinnen entfallen. In der Forbes-Liste der 50 bestbezahlten Sportler:innen fanden sich 2021 gerade einmal zwei Frauen (die beiden Tennisspielerinnen Naomi Osaka/12. und Serena Williams/28.).

Zusätzlich zur geringeren Präsenz werden Sportlerinnen auch deutlich passiver inszeniert, erreichen weniger Bildpräsenz, sind auch auf Titelseiten stark unterrepräsentiert. Studieninitiatorin und exploristas-Mitgründerin Anja Schmidt: „Damit fehlen Sportlerinnen als sichtbare, wirkmächtige, motivierende und inspirierende Vorbilder. ,You can´t be what you can´t see‘ oder auch: nur sichtbar ist machbar. Wir sehen die Studie als Ausgangspunkt zur Sensibilisierung aller Beteiligten. Sichtbarkeit und damit Steigerung der Medienpräsenz im Rahmen fairer sportmedialer Darstellung ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für ein angepasstes Frauenbild im Sport. Damit hängt eng die Möglichkeit von Sportlerinnen zusammen, als Vorbild zu wirken. Auf Basis der nunmehr gelungenen Faktensammlung sollte es gelingen, den Teufelskreis von mangelnder Sichtbarkeit und damit nicht erfüllbarer Vorbildfunktion von Sportlerinnen zu durchbrechen.“

Fokus auf die sportliche Leistung

Zu auffälligen Unterschieden kommt es häufig auch im Bereich der Darstellungsform von Athletinnen und Athleten. Sportlerinnen sind von sexualisierter Inszenierung, Trivialisierung und Diffamierung vielfach stärker betroffen als ihre männlichen Kollegen. "Der Körper ist im Sport natürlich wichtig und steht im Fokus, aber wie in der Studie ersichtlich werden Frauen öfter als Männer sexualisiert dargestellt. Als österreichisches Zentrum für Genderkompetenz im Sport fordern wir mit #SchauAufDieLeistung eine Verschiebung des Fokus auf das, was zählt – die sportliche Leistung. Nicht nur Medienschaffende sind hier aufgerufen, sondern auch die Sportorganisationen. Es braucht ein Hinschauen und Umdenken in mehreren Bereichen des Sports“, so Christa Prets, Präsidentin von 100% SPORT.

Eine Chance für positive Entwicklungen

Die besagte Studie baut auf den Handlungsempfehlungen des EU-Aktionplans ,Gender Equality in Sport 2014 – 2020‘ auf. Von dessen Zielen – unter anderem die Anhebung des Anteils von Sportlerinnen in der Sportberichterstattung auf 30, langfristig auf 40 % - ist Österreich, wie die Ergebnisse zeigen, noch weit entfernt. Sportminister Werner Kogler betont: „Ich schließe mich der Einschätzung der Expertinnen und Experten, die den Aktionsplan ausgearbeitet haben, vollinhaltlich an: Die geringere Sichtbarkeit von Frauen im Sport lässt sich nur dann beheben, wenn sich auch die Medien ihrer zentralen Rolle bewusst und entsprechend aktiv werden.“

Maßnahmen des Sportministeriums für mehr Gender Balance

Das Sportministerium hat, gemäß einer seiner Schwerpunktsetzungen - Frauenförderung und Gendergerechtigkeit – 2021 umfassende Projekte auf den Weg gebracht, um Frauen verstärkt an den maßgeblichen Schnittstellen im Sport zu positionieren. Schließlich sind Frauen auch in den Führungspositionen der Sportverbände krass unterrepräsentiert: Nur 10 % der nationalen olympischen Sportverbände werden in Österreich von einer Präsidentin geführt, nur 17 % der Führungspositionen sind weiblich besetzt.

"Mit dem Gender-Traineeprogramm, mit dem wir binnen weniger Jahre dutzende hoch qualifizierte Trainerinnen und Managerinnen ausbilden, werden wir den österreichischen Sport nachhaltig verändern", sagt Kogler. Ein zweites Projekt zielt auf die Professionalisierung der österreichischen Frauenligen ab. "Dream Teams" stellt jährlich insgesamt 1,5 Mio. Euro für rund 70 Vereine der höchsten Spielklassen in acht Sportarten zur Verfügung. Vizekanzler Kogler dazu: "Dieses Kraftpaket stellt für die Vereine der Frauenligen einen Quantensprung dar, unter anderem in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und PR, wovon ich mir auch mehr Sichtbarkeit verspreche. Mit einer Budgeterhöhung zwischen 15 und 50 Prozent pro Verein – und das jährlich – wird der Abstand zu den Männerligen sukzessive geschlossen." Zudem seit Dezember 2020 rund 1,5 Mio. Euro an Produktionskostenzuschüssen für die Contentproduktion von Streamings und TV-Übertragungen ausbezahlt, um die Vereine auch in Zeiten von Lockdowns und Zuschauerbeschränkungen sichtbar zu halten. Ein großer Teil dieser Zuschüsse kam dem Frauensport zugute.

⇒ Die ganze Studie zur Nachlese (PDF, 23 MB)

RÜCKFRAGEN:

MediaAffairs
Mag.a Maria Pernegger, Studienautorin
m.pernegger@mediaaffairs.at
www.mediaaffairs.at

exploristas - Österreichs Initiative zur Bestärkung von Frauen durch Outdoor Sport
Dr.in Anja Schmidt
Anja@exploristas.at
www.exploristas.at

100% SPORT, Österreichisches Zentrum für Genderkompetenz im Sport
Christa Prets, Präsidentin
office@100prozent-sport.at
www.100prozent-sport.at

(20. Dezember 2021)